Der US-amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond beschäftigt sich in seinem jüngsten Buch ‘Kollaps’ mit der Frage, warum manche Kulturen sich dem Wandel der Umwelt anpassen konnten und warum andere durch Übernutzung ihrer natürlichen Ressourcen und Fehleinschätzungen über zukünftige Entwicklungen zu Grunde gegangen sind.
Als Beispiel führt er die Menschen der Osterinseln an, die irgendwann im Verlauf ihrer Geschichte den letzten Baum der Insel fällten - und ihn wahrscheinlich für die Produktion oder den Transport der riesigen und zunächst einmal für das Überleben völlig nutzlosen Steinmonumente verbrauchten. Den letzten Baum fällen hieß: Nie wieder einen neuen Baum säen oder anpflanzen zu können. Und es hieß auch: Keine Chance mehr zu haben, die Insel noch zu verlassen, um woanders neuen Lebensraum zu gewinnen. Es hieß schließlich ganz konkret: Sich selbst dem Untergang zu weihen.
Warum taten das die Osterinsel-Menschen, fragt sich Diamond. Und warum taten sie es ganz bewußt?
Ein Aspekt, den der Wissenschaftler anführt, ist das von ihm sogenannte “Landschafts-Gedächtnis”. Menschen können sich bei einem langsamen Wandel ihrer Umwelt ganz einfach nicht mehr konkret daran erinnern, wie die Landschaft noch vor zehn oder zwanzig Jahren aussah. Es gibt Gewöhnungseffekte - und die Erinnerung, dass einst ein großer Wald dort stand, wo jetzt nur noch einzelne Bäume zu finden sind, ist kein spektakuläres Aha-Erlebnis.
Auf unsere Zeit und Gegenwart übertragen: Wie sehr spielt uns unser “Landschaftsgedächtnis” einen Streich, wenn wir heute über Klimaänderungen diskutieren? Glauben wir nicht auch, dass die letzten heißen Sommer und die letzten warmen Winter eigentlich nicht so schlimm sind? Unterliegen wir nicht auch dem Problem, dass es keine Klima-Katastrophe, sondern nur eine schleichende Entwicklung gibt? Arrangieren wir uns nicht Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt mit mehr Stürmen, weniger Gletschern, höheren Meeresspiegeln, längeren Trockenperioden? Und glauben wir nicht auch, eigentlich haben wir alles im Griff und eigentlich ist alles nicht so schlimm?
So, wie wahrscheinlich die Osterinsulaner auch dachten, als aus ihrer grünen Insel peu à peu ein karstiger Felsen wurde. Irgendwie ging es ja noch und immer weiter. Weshalb also auf Statussymbole wie die Steinmonumente verzichten? Bis eben der letzte Fürst oder Priester den letzten Baum fällen ließ - und die Kultur jämmerlich und unter viel Leid vieler Einzelner (Krieg, Verhungern, Verdursten…) ausstarb.