Archive for Juni 2007

Bundeslöschzeiten

Lieber Herr Dr. Wolfgang Schnüffelmeier,

 jetzt sind also all die schönen Bundeswehr-Daten über eine erklecklichen Zeitraum von einigen Jahren (1999 -  2003) einfach so verschwunden. „Gelöscht“, wie es gemäß offizieller Verlautbarungen aus dem Bundesverteidigungsministerium heißt, und zwar gelöscht nach den Dienstvorschriften, die sich mit unbrauchbaren Datenträgern beschäftigen. Daten, die sich ausgerechnet mit den Aktivitäten deutscher Geheimdienstler beschäftigen. So mit den Tätigkeiten einiger Offiziere des Militärischen Abschirmdienstes (MAD), die bei den illegalen Verhören in einem US-Geheimgefängnis in Bosnien beteiligt gewesen sein sollen. So ausgerechnet auch die Unterlagen aus dem Jahre 2002, die der Verteidigungsauschuss des Deutschen Bundestages in der Affäre um die mögliche Misshandlung des Deutsch-Türken Kurnaz durch KSK-Söldner angefordert hatte…

Kann man nichts machen. Wird nun so mancher denken, denn weg ist weg, da helfen auch keine Pillen. Und der gute Herr Arnold von der SPD sagt dazu sogar lapidar: „Alles nicht so schlimm. Waren sowieso keine wichtigen Daten!“

Aber, lieber Dr. Schnüffelinnenmeier, gehen wir es doch einmal Punkt für Punkt durch:

1. Das „Zentrum für Nachrichtenwesen der Bundeswehr“ (ZNBw) mit Sitz in Gelsdorf mit rund 650 Beschäftigten versorgt die Bundeswehr, die Nachrichtendienste und die NATO mit Meldungen aus den Krisengebieten dieser Welt – und ist als Dienststelle dem Bundesminister der Verteidigung, derzeit also Herrn Jung, untergeordnet. Das ZNBw verfügt nun über ein Programm namens JASMIN (Joint Analysis System Military Intelligence), welches all die geheimen Daten verwaltet, ordnet, verschlagwortet, speichert… Dabei sollen laut Erklärung des Staatssekretärs des Bundesverteidigungsministerium, Peter Wichert, alle Daten, die von außen von den „Genics“ (also den operativen Einheiten, die aus den Krisengebieten melden) über sichere Leitungen an das ZNBw geschickt werden, auf einen einzigen Stand-Alone-Rechner ankommen und dort auch verbleiben. Andere Rechner kämen mit den Infos nicht „in Berührung“.

2. Die Daten und die eine Backup-Version wurden nach Angaben des Bundesministeriums für Verteidigung bereits im Jahr 2004 als fehlerhaft erkannt, und „ordnungsgemäß entsorgt“. Seither sind knapp drei Jahre vergangen. In dieser Zeit arbeitete bereits der Untersuchungsausschuss des Bundestages und hatte die Anfragen nach den Unterlagen an das Bundesministerium für Verteidigung schon mehrmals gestellt. Als Reaktion erhielt man hinhaltende Antworten, aber kein einziges Mal den Hinweis, dass die Daten vernichtet worden seien.

3. Das ZNBw gibt an, einen kompletten Datenverlust von 1999 bis 2003 erlitten zu haben. Damit erklärt das ZNBw indirekt, Datensicherungen jeweils nur in Mehrjahres-Zyklen vorgenommen zu haben oder innerhalb von 5 Jahren kein einziges Mal geprüft zu haben, ob die Datenspeicherung ordnungsgemäß klappt und wie das Back-Up-System arbeitet.

4. Es wird erklärt, dass im Jahr 2004 aufgefallen wäre, dass der Datensicherungsroboter fehlerhaft gearbeitet hätte. Die Back-Up-Bänder wären nicht mehr lesbar gewesen und hätten deshalb gemäß einer internen Dienstvorschrift für Unterlagen mit dem „Verschlusssache“-Hinweis vernichtet werden müssen.

 Ist das nun alles wirklich schlüssig? Gehen wir einmal davon aus, dass niemand der Herren Geheimdienstler, KSK-Söldner, Bundesminister und Staatssekretäre etwas zu verstecken hat, alles in legalen Bahnen läuft und nach bestem Wissen und Gewissen erfolgt, dann fällt doch zumindest auf:

 Zu Punkt 1: Das ZNBw erklärt selbst, dass es keinen Stand-Alone-Rechner gibt, sondern eine Zentralstelle, in die die Genic-Meldungen via sicherer Datenleitungen einlaufen, dort gesichtet und an die jeweiligen Fachbereiche weitergeleitet werden. Das erscheint deutlich realistischer. Also müssen alle Datenspuren auf diesen weiteren Rechnern (auch der der Genics) vernichtet worden sein! Gilt obige Annahme der weißen Westen, können das nur dunkle Mächte gewesen sein, die sich des ZNBws bemächtigt haben… Vielleicht Terroristen, die unsere Staatsschutzsysteme unterlaufen haben? Lieber Herr Dr. Schnüffelgruber, jetzt werden Sie hellhörig, nicht wahr?? Aber lesen Sie weiter, es gibt noch mehr Indizien:

Zu Punkt 2) In der Datensicherungsstelle des ZNBws müsste ein wenig ausgeschlafener Mitarbeiterstab sitzen oder auch nur eine Person, denn offensichtlich ist dort nach den seit Monaten laufenden Anfragen des Untersuchungsausschusses nicht aufgefallen oder eingefallen, dass die Daten schon seit Jahren offiziell gelöscht sind. Weil das Militär und dem Militär zugeordnete Dienststellen aber immer perfekt auf Zack sind (wie uns viele Hollywood-Filme ja immer so schön vorspielen), kann es nur sein, dass dort ein terroristischer Schläfer sich eingeschlichen hat…

Kommen wir zu Indiz Numero 3

Zu 3) Niemand auf dieser Welt und erst recht nicht in dieser wunderdeutschen bundesrepublikanischen Behördenwelt sichert Daten nur einmal in fünf Jahren, macht nur ein einziges Back-Up und kontrolliert die Funktionabilität dieses Back-Ups erst nach ebenfalls 5 Jahren. Das ist genauso unmöglich, wie Weihnachten und Ostern an einem Tag oder dass der deutsche Michel mal aufwacht. Also: Jedes Unternehmen muss seine Daten (für das Finanzamt) mehrfach sichern und an verschiedenen Orten feuerfest und erdbebensicher und seuchengeschützt verwahren (vielleicht nicht ganz so streng). Und ausgerechnet eine Bundeswehrbehörde macht alles anders? Glauben Sie das, Herr Dr. Schnüffelmeister? Sie kennen doch den Amtsschimmel: Lieber alles doppeltdreifach-und-gelochtundabgeheftet-in-nochundnöcher-Kopien, als einmal zu wenig. Also kann das einzige Fazit nur lauten: Na, Sie wissen schon… alles unterwandert. Überall Terroristen! Überall!!!

Und bevor unser aller Herzschlag nun zu hoch geht, noch schnell zu Punkt 4): Denn eingefleischte Computerforensiker, die etwas von ihrem Fach, nämlich der Datenrekonstruktion auch von schwerst beschädigten Datenträgern (zum Beispiel nach Säurebad und Feuereinwirkung), verstehen, sagen: Die angeblich beschädigten ZNBw-Bänder hätten gerettet werden können. Die Wahrscheinlichkeit, dass das nicht geklappt hätte, läge bei 0,0001 Prozent (so Bernd Melcher, Chef der Datensicherung der Uni Berlin). Die Bänder sind also vorschnell vernichtet worden. So einfach ist das. Und weil sich natürlich kein Geheimdienst der Welt, und erst recht nicht eines aus preussischster Tradition, welcher noch etwas auf Ordnung und so weiter hält, weil sich also kein Dienst der Welt einfach so Daten nehmen lässt (Daten sind des Agenten Leibspeise!), kann es nur so sein – ich weiß, jetzt wird es redundant – also: DAS ZNBw IST VOLLER TERRORISTEN. ALLES UNTERWANDERT!! ALLES SCHON VERSEUCHT!!!! ÜBERALL ISLAMISCHE EXTREMISTEN, DIE UNS ARMEN DEUTSCHEN AN DEN KRAGEN WOLLEN… HILFE!!! LIEBER HERR DR. SCHNÜFFELSPECHT, SO TUN SIE DOCH UM GOTTES WILLEN ETWAS; MACHEN SIE ENDLICH WAS SINNVOLLES: SPIONIEREN SIE DIE BUNDESWEHR AUS…

Eine Anregung von der Ephemeridenzeit.

Mit freundlichen Grüßen und der Bitte um Bearbeitung.

3 comments Juni 26, 2007


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